Lektüre Schnittmuster zeichnen

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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 24.07.2020 16:38

Ich habe das Hofenbitzer System, Gerda Gnan und die Zuschneidekunst nach dem Einheitssystem - Damenschneiderei verglichen. Besonderes Augenmerk habe ich auf das Verhältinis Vorder- zu Rückenteil, die Größe des Armloch, und die Bewegungsweite des Ärmels gelegt. Gnan hat gewonnen *lach* .
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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon ju_wien » 24.07.2020 18:45

Ich haben mich noch nicht so genau damit beschäftigt, aber die "eboli" aus dem HS24-Forum hält große Stücke auf die Gnam, speziell auf die Ärmelkonstruktion. Bei Müller werden Armloch und indirekt auch die Kugel aus der Oberweite abgeleitet. Bei Durchschnittsfiguren funktioniert das, bei großer Oberweite in Verbindung mit schmalem Rücken bringt es merkwürdige Ergebnisse. (Oder noch ganz anders betrachtet: System Müller wurde ursprünglich für die Konstruktion von Männerkleidung entwickelt und erst später für Damen "umgemodelt". Gnam und auch Titze-Reder kommen von der Damenschneiderei her.)

OT: ich habe eben geschaut, ob es schon eine Vorschau auf die September-Burda gibt. Ist noch nicht zu finden, aber ich habe auf der russischen Burastyle-Seite eine wunderhübsche Sammlung von 50er-Jahre Strandoutfits gefunden https://burdastyle.ru/stati/plyazhnyj-h ... on-yubka-/ Bei dem quer gestreiften Rock-Blusen-Shorts Ensemble, das mit "Lampl" beschriftet ist, gefällt mir, wie gut sie den Oberteilschnitt auf den Streifenstoff abgestimmt haben. Keine störenden Abnäher, trotzdem ganz auf Figur und die Streifen werden durch die eingelegte (unten festgesteppten?) Falten nicht unterbrochen. Und die überschnittenen Schultern werden durch die Streifen auch noch zusätzlich betont. Solche Liebe zum Detail gibt es bei den Schnittherstellern schon lange nicht mehr.

// Und ein PS: Da ich nie sicher bin, wie Titze Reder sich schreibt, habe ich gegoogelt und bin auf dieses Dokument mit biografischen Details gestoßen http://www.leopoldmuseum.org/media/file ... ntheme.pdf - da wird der Name in umgekehrter Reihenfolge geschrieben (Reder Titze) und auch erwähnt, dass ein Katalogersteller sie mit "ie" geschrieben hat und das dann prompt abgeschrieben und somit weiter verbreitet wurde. Ich bin also nicht die einzige, die mit dem Namen Schwierigkeiten hat ;-) Offenbar war sie irgendwann im Besitz eines Schiele-Gemäldes, daher die Erwähnung in der Sammlung Leopold.

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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 24.07.2020 18:59

Ein Buch von Titze-Reder suche ich noch. Die würde mich auch sehr interessieren.
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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon ju_wien » 24.07.2020 19:06

insa-ana hat geschrieben:Ein Buch von Titze-Reder suche ich noch. Die würde mich auch sehr interessieren.


Ich nehme mir schon ewig vor, es von der Uni-Bibliothek auszuborgen. Vielleicht schaffe ich es ja im Herbst, wenn der Betrieb dort wieder losgeht. Erinnere mich bitte :) Auf die arbeitssparende Lösung (bezahlen Scan bestellen) müssten wir bis 2023 warten (70 Jahre ab dem Tod der Autorin), sofern sie nicht dann noch drauf kommen, dass womöglich die Co-Autorin der letzten Auflage, Grete Picha, länger gelebt hat.

//Und schon wieder ein PS: Heute ist der Tag der wundersamen Internetfunde *g*
http://www.zuegg.berufsschule.it/downlo ... igkeit.pdf - Eine Ausschreibung einer Südtiroler Berufsschule von 2015, wo als Qualifikation für Referent_innen im Lehrgang "Bekleidung und Mode" Schnittzeichnen nach Marianne Titze-Reder gefordert wird!

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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 24.07.2020 19:08

Sind das hübsche Strand-Ensembles *love2*.
Das Lampl Modell ist mir auch sehr angenehm aufgefallen. Ich finde sie aber fast alle sehr hübsch.
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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 24.07.2020 19:10

An das Buch erinnere ich dich ganz sicher *grins*
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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 25.07.2020 15:10

Bei Müller und Hofenbitzer ist der Rückenteil breiter als der Vorderteil und das Armloch sehr tief ausgeschnitten. Bei Konfektionsschnitten nicht verwunderlich. Ich habe wenig Lust bei einem Maßschnitt, dann noch eine Anpassung für die große Brust zu machen. D.h. ich muss Vorder- und Rückenteil korrigieren. In Folge natürlich auch die Ärmelnaht. Wenn ich ein kleineres Armloch zeichne, das ich als bequemer empfinde, ist trotz Ärmel mit hoher Armkugel die Armkugel um 1,5-2cm zu niedrig. Da ich das weiß mache ich den Ärmel immer 2cm länger und passe dann unter der Achsel den Armauschnitt an. Ist das Armloch kleiner hat der Ärmel hinten auch zu wenig Bewegungsweite. Muss ich alles nicht haben.

Die Zuschneidekunst nach dem Einheitssystem - Damenschneiderei hat einen schmalen Rückenteil und einen breiteren Vorderteil, das Armloch ist aber etwas tiefer als bei Gnan, der Ärmel hat hinten genug Bewegungsweite in der Kugel. Den Vorderteil kann man mit dem Abnäher in der vorderen Mitte zeichnen und dann korrigieren oder so wie die beiden anderen an der Schulternaht. Die Erklärungen sind sehr klar und gründlich verfasst. Mäntel, Krägen, Raglan- und Kimonoärmel werden abgesehen von Kleider-, Blusen-, Mieder, und Hosenschnitten auch ausgiebig behandelt. Ein sehr interessantes Schnittzeichenbuch.

Bei Gnan habe ich den breiteren Vorderteil das kleinere Armloch und die größte Bewegungs Zugabe hinten im Ärmel. Die Ärmelnaht liegt weiter hinten als bei den beiden anderen Systemen.
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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon ju_wien » 26.07.2020 14:15

Danke! Vergleichskonstruktionen nach verschiedenen Systemen nehme ich mir ja auch schon sehr lange vor. Passiert aber irgendwie nie. Da ich selten konstruiere, muss ich jedesmal viel überlegen und nachlesen und wieder überlegen, was tagelang dauert und dann muss ich den Tisch frei machen und alles wird eingerollt und weggestellt und vergessen :(

Zumindest habe ich mir angewöhnt, nicht nur das Datum, sondern auch die Hauptmaße und das Gewicht draufzumalen, damit ich beim Wiederfinden weiß, ob ich weiter tun kann oder neu Maß nehmen muss.

Auf der Suche nach dem "Einheitssystem" landete ich eben in einem Blog über Vintage Kleidung https://www.beswingtesallerlei.de/2014/ ... heute.html

Zitat:
Übrigens waren Konfektionsgrößen ursprünglich nicht als genau passend gedacht - nur als einheitlich. Da in den 50er Jahren eine persönliche Anpassung durch den Ladenbesitzer noch üblich war, war der Anspruch an die genaue Passform geringer.


Das sehe ich (als Fast-Zeitzeugin) ein wenig differenziert. In den 1950er Jahren (und vor dem 2. Weltkrieg noch viel mehr) trug die gut angezogene Dame Maßkleidung. Fertig kaufte sie allenfalls Unter- und Nachtwäsche, Schürzen, einfache Hauskleider, eventuell auch einfache Blusen.

Wer sich Kleidung von der Schneiderin nicht leisten konnte, nähte entweder selbst oder musste mit dem vorlieb nehmen, was es so gab und konnte keine großen Ansprüche stellen.

Man konnte damals zwar in vielen Geschäften neu gekaufte Kleidung abstecken und ändern lassen, aber das betraf im großen und ganzen Ärmel- und Rocklängen. Viel mehr kann man an einem fertigen Stück nicht ändern, ohne es komplett aufzutrennen (was auch damals schon zu teuer gekommen wäre).

In den letzten 50, 60, 70 Jahren haben wir uns an Konfektionskleidung gewöhnt. Kleidung nach Maß ist abseits von ambitionierten Hobbyschneiderinnen die große Ausnahme (Mitglieder von königlichen Familien, Red Carpet, ein paar Damen in Spitzenpolitik und Wirtschaft und - Personen, deren Körperbau so sehr vom Durchschnitt abweicht, dass sie nichts fertiges finden). Wir haben uns daran gewöhnt, "passt" mit "ich komme rein und es geht zu" gleichzusetzen. Ärmel werden eher aufgekrempelt als gekürzt oder ausgelassen, detto Hosenbeine. Dass bei Rocklängen oft wenige Zentimeter zwischen "perfekt", "naja" und "scheußlich" entscheiden, ist kaum noch jemandem bewusst. Blazer oder Kostümjacken werden offen getragen, da merkt man nicht, ob sie irgendwo spannen. Und Burda lenkt nicht einmal mehr mit Blumensträußen oder großen Taschen von Passformfehlern ab *pfeif*

In den letzten ca. 20 Jahren haben die Konfektionsdesigner aber auch immer besser gelernt, Modellformen zu entwerfen, die für alle irgendwie "gehen". Dazu tragen einerseits Jersey und Stretch bei, andererseits 7/8 Hosen, 3/4 Ärmel, A-Linien Kleider usw. Eine 7/8 Hose geht einer kleinen Frau bis zu den Knöcheln, bei einer großen Frau endet sie unterm Knie, muss man also nicht ändern. Lange Hosen werden großteils ungesäumt verkauft, damit das Anpassen schneller geht. 3/4 Ärmel können auch nie zu kurz oder zu lang sein. Faltenröcke werden mit Gummibund verkauft (wie früher nur für Kleinkinder). Und Kleider ohne Taille sitzen erstens um die Mitte bequem und zweitens muss man nur den Saum kürzen, wenn die Käuferin viel kleiner ist und eine große Frau trägt das gute Stück halt als Tunika über Leggings. Die Hersteller und Läden können sich also Kurzgrößen und Langgrößen ersparen. Die von dir erwähnten tiefen Armlöcher gehören auch dazu: jeder kommt bequem rein, wirklich gut passen tun sie aber fast nie.

Bei einem figurbetonten Kostüm ohne Stretchanteil merkt man sofort, wo die eigene Figur von den Herstellermaßen abweicht. Das gibt es aus genau diesem Grund aber auch kaum mehr fertig zu kaufen.

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Re: Lektüre Schnittmuster zeichnen

Beitragvon insa-ana » 01.08.2020 10:16

Ja normalerweise wurde nur gekürzt. Manche Läden hatten aber auch die Option z.B. einen Rock an den Hüften enger zu machen, was ja immer noch wenig Aufwand bedeutet.

Zum Schneider ging meine Großmutter zum Wenden oder um aus einem Anzug oder Kostüm etwas für ihre heranwachsenden Kinder nähen zu lassen. Meine Tante hatte für ihre Ausbildung in der Schwesternschule 1! Kostüm. Das war ihr ganzer Stolz und wurde sehr gepflegt.

Ich denke ohne Stretch Anteil würde die allermeiste Kleidung heutzutage grauenhaft sitzen. Das d ehnbare Material verzeiht sehr viele Passform Mängel. Von gutem Sitz sind die meisten Kleidungsstücke aber trotzdem weit entfernt.
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